Bunbury

Premiere:  13.10.2005 - Schauburg Ibbenbüren

 
Ibbenbürener Volkszeitung vom 15. Oktober 2005
Phantastischer Saison-Auftakt für das Quasi So-Theater

Marianne Laun. Ibbenbüren. Solch einen Auftakt wünscht sich wohl jedes Theater: Eine Menschenschlange zieht sich lange vor Beginn bis auf die Strasse, an der Kasse kann man kaum schnell genug Karten verkaufen und Plätze zuweisen, im Foyer stehen die Besucher dicht an dicht und unterhalten sich erwartungsvoll und gleichzeitig entzückt oder in Erinnerungen schwelgend über die Spielstätte. Genau das war dem Quasi So-Theater bei der Premiere von "Bunbury oder wie wichtig es ist Ernst zu sein" beschieden - und das nach einer gewaltigen Kraftanstrengung bei der gelungenen Renovierung und nur eine Stunde nach dem Auswringen des letzten Wischmops!

Am Donnerstag hieß es dann Bühne frei für die schlanke, allen Ballasts entledigte Inszenierung des "Bunbury" unter der versierten Regie von Klemens Hergemöller. Er legt ein Stück vor, das insgesamt vorlagengetreu ist, aus dem er aber alles Überflüssige und heutzutage Unbekannte gestrichen hat. Das Ergebnis ist eine spritzige und kurzweilige Gesellschaftskomödie, die die gesellschaftlichen Zwänge und die höchst fragwürdige Moral des viktorianischen Zeitalters in höchst geistreicher Weise aufs Korn nimmt. Unverkennbar ist aber auch, dass die Erkenntnisse und Wahrheiten eines Oscar Wilde auch heute noch zutreffen. Mit spielerischer Leichtigkeit repräsentieren die Darsteller die Angehörigen der feinen viktorianischen Gesellschaft, die sich über Geld, die richtige Adresse, einen adäquaten Stammbaum und vielleicht den richtigen Namen definiert. Dabei schenkt man der Situationskomik und dem Sprachwitz größte Aufmerksamkeit, ohne dabei statisch zu werden. Tempo und Bewegung charakterisieren die verzweifelten Bemühungen der beiden Gentleman-Dandys Algernon (Hans-Günter Schwarze) und Jack (Marc Schmiedel) sich durch "Bunburysieren", das heißt durch ein verzwicktes Lügensystem mit fiktiven Personen, das stets in Gefahr ist aufzufliegen, Freiräume außerhalb der gesellschaftlichen Konventionen zu schaffen. Das Gleiche gilt für das dümmlich-kokette Verhalten der heiratswilligen (oder -wütigen) jungen Damen Gwendolen (Claudia Agternkamp) und Cecily (Ilka Bergschneider). Raumgreifende Aktionen kennzeichnen auch den nach außen hin so religiös-besorgten Pastor Dr. Chasuble (Siegfried Grau), der stets betont, dass er im Zölibat lebt, und gleichzeitig ein überdeutliches unreligiöses Interesse an Cecilys altjüngferlicher Gouvernante Miss Prism zeigt, die ihrerseits den Pastor allzu gern ermutigt ("Einen Misanthropen kann ich noch verstehen, einen Frauenthropen nicht.").

Lediglich eine bestechende Lady Bracknell (Ingeborg Grau) beansprucht im Stück nahezu einen einzigen Platz - nämlich auf einem verschnörkelten Stuhl, von dem aus sie mit Kalkül und herausragender Sprachgewandtheit alle anderen herumkommandiert und ihrer Stellung bewusst ( "Wenn die unteren Schichten uns kein gutes Beispiel geben - wozu sind sie dann da?") stets auf gesellschaftliche Korrektheit bedacht ist. Als Art Gegenstück fungiert der proletarische Diener Lane beziehungweise der blasierte Butler Merriman (hervorragend Patric Sohrt), der überall und immer präsent ist und alle Finessen der so genannten feinen Gesellschaft kennt.

Diese Inszenierung zeichnet sich durch die feinsinnige Interpretation der Vorlage, durch enthusiastische aber sehr disziplinierte Darsteller mit teilweise umwerfender Mimik und ausgefeilter Körpersprache aus. Die aufwändigen Kostüme geben den Figuren noch das gewisse unverzichtbare Etwas, das neben dem perfekt proportionierten, auf überflüssigen Schnickschnack verzichtenden Bühnenbild und der gut funktionierenden Lichttechnik einen sehr amüsanten und eindrucksvollen Theaterabend in besonderer Atmosphäre garantiert.


"Wir in Ibbenbüren" vom 19. Oktober 2005
Quasi So im "Schauburg"

Ute Weber. Ibbenbüren. Die Menschenschlange vor der Kasse, die bis auf die Straße führte, ließ schon Gutes erahnen. Am vergangenen Donnerstag gab es eine gelungene Doppel-Premiere in der Innenstadt: Das "Schauburg"-Kino wurde nach zwölfjährigem Dornröschenschlaf seiner neuen Bestimmung übergeben und das neue Stück des Quasi So-Theaters "Bunbury, Oder warum es wichtig ist, Ernst zu sein", frei nach Oscar Wilde, wurde uraufgeführt.

Nach mehrmonatigen liebevollen und zudem sehr geschmackvollen Renovierungsarbeiten durch das Ensemble des Quasi So-Theaters, deren Spuren noch eine Stunde vor Beginn beseitigt worden waren, konnte endlich Premiere im restlos ausverkauften Haus gefeiert werden. Unter der bewährten Regie von Klemens Hergemöller, der Wildes Stück abspeckte und auf das Wesentliche beschränkte, sowie der Assistenz von Meike Weber ist eine sehr kurzweilige Komödie entstanden, die durch hervorragende Darsteller, farbenprächtige Kostüme und eine Bühnendekoration mit optischer Täuschung besticht. Ob die beiden eigentlichen Hauptakteure miteinander über das "Bunburysieren" fachsimpeln oder die zwei hochzeitswilligen Damen der viktorianischen Gesellschaft ihren Zwängen unterliegen (oder eben nicht) - die Moral dieses Zeitalters wird herrlich aufs Korn genommen.

Gehen Sie hin, seien Sie neugierig - auch auf das alte, neue Schauburg. Und vor allem: Achten Sie auf den Butler - er ist auch gleichzeitig der Souffleur (herrlich). Das Stück ist noch zu sehen am Samstag/ 29. Oktober, Sonntag, 30. Oktober, Freitag, 4. November, Samstag, 5. November sowie Sonntag/ 6. November jeweils um 20 Uhr in der Schauburg Ibbenbüren.